Schule des mit Juwelen geschmückten Tigers

Laut dem Kuden, der mündlichen Überlieferungsform einer Kampfkunst, wurden die ersten Techniken der späteren Gyokko Ryū entweder von einer sehr zierlich geratenen Palast-wache oder von einer Prinzessin am chinesischen Kaiserhof entwickelt.

Während des Niedergangs der Tang-Dynastie (um das Jahr 907) führte ein chinesischer Mönch namens Cho Gyokko (oder Yo Gyokko) diese neuen d.h. bislang in Japan unbekannten Kampftechniken dort ein. Dieses Wissen wurde im Laufe der Kamakura-, Nambuko- und Muromachi-Periode von der Suzuki-Familie von Generation zu Generation bis zu Sakagami Taro Kunishige weitergegeben. Sakagami Taro Kunishige begann nun damit, die Techniken zu katalogisieren und eine Ryū namens Gyokko Ryū Shito Jutsu zu gründen – rückblickend eine der ältesten dokumentierten Kampfkunstschulen innerhalb der Dai Nippon Bugei Ryū Ha. Sakagami Taro Kunishige begründete übrigens auch die Koto Ryū Koppō Jutsu.

In den Jahren 1532 bis 1555 war Sogyokkan Ritsushi das Oberhaupt der Ryū und benannte sie in Gyokko Ryū Kosshi Jutsu um. Später übernahm die Momochi-Familie die Ryū und übergab sie an die Toda-Familie, welche sie wiederum an Toshitsugu Takamatsu weitergab, den Lehrer von Dr. Masaaki Hatsumi.

Im Training mit seinem Lehrer und Onkel, ShinRyūken Toda, wurde Toshitsugu Takamatsu immer wieder darauf hingewiesen, daß sowohl in der Gyokko Ryū als auch in allen anderen Kampfkünsten das wichtigste Element die Beherrschung der Form der acht Grundtechniken (unsere heutige Kihon Happō) sei. Diesen Gedanken hat auch Dr. Masaaki Hatsumi in das von ihm gelehrte Bujinkan Budō Taijutsu (in dem insgesamt neun traditionelle japanische Kampfkunststile vereint sind) übernommen, da die Kihon Happo in der Tat alle Kampf-methoden beinhaltet: Blocktechniken, Schläge, Tritte, Angriffe gegen weiche und harte Körperstellen sowie Gelenkhebel.

Das Kihon Happō setzt sich aus einzelnen Teilen des Gyokko Ryū Kata zusammen. Die Gyokko Ryū zerfällt in drei Bereiche:

  • unbewaffneter Kampf gegen einen unbewaffneten Gegner,
  • unbewaffneter Kampf gegen einen mit einem Messer angreifenden Gegner sowie
  • unbewaffneter Kampf gegen einen mit einem Schwert oder einem Speer angreifenden Gegner.

Der letztgenannte Bereich (Muto Waza) beinhaltet die fortgeschrittensten und schwierigsten Techniken der Gyokko Ryū. Das Hauptkennzeichen der Gyokko Ryū ist die Fußarbeit. Während die Bewegungen im Koppo Jutsu beispielsweise darauf abzielen, direkt nach vorne ausgerichtet hart gegen den Gegner vorzugehen und sich darauf sofort wieder zurück-zuziehen, erfolgen die Angriffe der Gyokko Ryū eher seitlich oder halbkreisförmig. Wird ein Hebel ausgeübt, so geschieht dies nicht mit reiner Muskelkraft, sondern hauptsächlich da durch, dass man durch geschickte Fußarbeit unter Beibehaltung des Hebels das gegnerische Gelenk sozusagen umläuft.

Da solche Bewegungen Zeit erfordern, legt die Gyokko Ryū vor und während der Ausübung derartiger Techniken einen großen Wert auf Angriffe gegen Schwachstellen des menschlichen Körpers (Kyoshi) wie innere Organe, Muskeln und Nerven. Die Bewegungen der Gyokko Ryū erfolgen also um den zuvor durch eine Hebeltechnik fixierten Gleichgewichtspunkt eines Gegners herum.

Die Kraft einer Technik beruht in erster Linie auf dem Einsatz der Hüften und des Rückgrats sowie der richtigen Fußarbeit.

Die in der Gyokko Ryū Anwendung findenden Blocktechniken sollen durch ihre extreme Härte das Gleichgewicht des Gegners brechen, um danach besser gegen Schwachpunkte seines Körpers vorgehen zu können (Kosshi Jutsu). Da man hierzu sehr nahe an den Gegner herankommen muß, wird die hintere Hand in der Gyokku Ryū stets als Schutz vor möglichen Kontern des Gegners vor dem Körper gehalten. Häufig finden in der Gyokko Ryū Angriffe mit den Fingerspitzen Verwendung (vgl. auch den früheren Namen Shitojutsu [Techniken mit den Fingern]). Shito Ken (Boshi Ken) ist wohl mit die bekannteste Form davon (übrigens heißt auch Shutō in der Gyokko Ryū anders: nämlich Kiten Ken]). Der Daumen wird jedoch nicht nur mit der Daumenspitze als Waffe gegen weiche Stellen des Körpers eingesetzt, sondern auch gegen harte Ziele wie z.B. die Schläfe (Kasumi). Hierzu wird jedoch der Daumenknöchel verwandt.

Schon die drei grundlegenden Kamae dieser Ryū zeigen, welche Rolle der Boshi Ken als Waffe besitzt: in Ichimonji No Kamae, Hichō No Kamae und Jūmonji No Kamae zeigt der Daumen der vorderen Hand stets nach oben. Der Grund hierfür liegt darin, daß die körpereigene Energie immer ungezwungen fließen soll und keine unnötige Zeit für einen Angriff mit dem Daumen mehr verloren werden braucht. Bevorzugt steht man in der Gyokko Ryū in Migi No Kamae, da das eigene Herz somit besseren Schutz vor Angriffen findet. Die Gyokko Ryū ist nicht nur für ihr äußerst wirksames Kosshi Jutsu bekannt, sondern auch für den effektiven Umgang mit dem Katana, dem Tanto und dem Bo.

Überliefertes Motto der Schule:

Bushigokoro wa motte totoshi no nasu
Das Herz eines Kriegers ist wundervoll und das Wichtigste