Spiegel sowie spiegelnde Oberflächen (z.B. Wasser) üben schon immer eine faszinierende Wirkung auf die Menschen aus. Das Erkennen des eigenen Spiegelbildes erfordert Denkvermögen und ist ein Zeichen von Intelligenz. Kleinkinder müssen diese Fähigkeit erst erwerben, den meisten Tieren fehlt sie ganz.

Der Spiegel ist in vielen Weltkulturen ein Symbol sowohl für Eitelkeit als auch für Selbsterkenntnis und Wahrheit, da er alles unverfälscht reflektiert. Im erweiterten Sinne steht er auch für die nach außen – für die anderen – zur Schau getragene Oberfläche, die Fassade, die unser wahres Selbst verbirgt. Im religiösen Kontext ist er eine Verbindung zum Übernatürlichen, Göttlichen. In manchen Kulturen glaubt man, der Spiegel könne eine Seele beherbergen, oder auch einfangen und festhalten. Oder ein Spiegel könne das Böse fernhalten.

Die japanische Kultur ist hauptsächlich vom Shintô 神透 (Weg der Götter) geprägt. In der japanischen Mythologie haben Spiegel eine große Bedeutung.

Im Buddhismus 仏教, der ebenfalls eine große Rolle in der japanischen Kultur spielt, ist der Spiegel eines der acht kostbaren Dinge. Der Spiegel zeigt die Gegenwart wie sie ist, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen, ohne sie durch Theorien (Wissenschaft, Verstand) zu interpretieren, ohne durch Emotionen beeinflusst zu sein, ohne Vergangenheit oder Zukunft. Er symbolisiert somit die Seele im Zustand der Reinheit, den erleuchteten Verstand, aber auch die Aufrichtigkeit. Der Mensch soll ‚erwachen‘ zu einem achtsamen Leben im ‚Hier und Jetzt‘ und damit Erkenntnis und Weisheit erlangen. So wie die Oberfläche eines Spiegel von Staub muss man sein Inneres reinigen von allem, was den Blick auf die Wahrheit trüben könnte.

In einem Dôjô 道場 (Ort des Weges) dient das Üben der Kampftechniken neben körperlicher Fitness, Gesundheit und Selbstverteidigungsfähigkeit vor allem der geistigen, charakterlichen und spirituellen Weiterentwicklung. Ausgewählte Symbole können uns, jenseits ihrer religiösen Herkunft, daran erinnern.

So hat der kleine Spiegel, im Kamidana 神棚 (Götterregal), verschiedene Bedeutungen.

Er ermutigt uns, das wahre, unverfälschte Selbst in uns und anderen zu erkennen und unsere Fassade aufzugeben. Uns mit allen unseren Stärken aber auch Fehlern und Schwächen anzunehmen. Das ‚göttliche‘ und einmalige in jedem von uns zu sehen und wert zu schätzen. Achtsam im ‚Hier und Jetzt‘ zu sein. Unsere Glaubenssätze und Vorbehalte zu hinterfragen und aufzugeben. Angst, Wut, Zweifel, Habsucht und Neid zu überwinden.

Dazu ist beständige und harte Arbeit an uns nötig. Darüber hinaus zu sehen, dass wir alle Teil von etwas größerem sind, egal ob man es „Schöpfung“, das „Göttliche“ oder einfach nur ‚Universum‘ nennt. Alles und Jedes hat dort einen Platz und eine Aufgabe. Alles ist, beständigem Werden und Vergehen unterworfen, auch wir. Was ist unsere Bestimmung im Leben, was können wir bewirken, was werden wir hinterlassen?