Der genaue Ursprung der Kotō Ryū 虎倒流 ist unbekannt, doch es wird vermutet, dass dieser Schule aus dem Gebiet, welches heute als Korea bekannt ist, von einer Person mit dem Namen Chan Buso nach Japan gebracht wurde.

Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wann dies genau passiert ist. Erst Toda Sakyo Ishinsai formte das Kotō Ryū Koppōjutsu als eine Ryū. Zwei Generationen zuvor wurde bereits von Sakagami Taro Kunishige der Stil organisiert.

Sakagami Taro Kunishige wird als der erste Soke des Kotō Ryū angesehen. Der zweite Soke sollte eigentlich Bando Kotaro Minamoto Masahide sein, der jedoch in einer Schlacht im Jahre 1542 ums Leben kam. An seiner Stelle wurde dann Sougyoku Kan Ritsushi, der auch der Soke der Gyokko Ryū war, zum Großmeister. Ab diesem Zeitpunkt wurden beide Stile unter dem Namen Gyokko Ryū von der gleichen Familie weitergegeben. Heute ist Masaaki Hatsumi der Soke beider Stile und so kann man beide Stile im Bujinkan-Budo-Taijutsu System finden. Der Unterschied zwischen der Gyokko Ryū und der Kotō Ryū war der, das zweitere nur an die Person unterrichtet wurde, die auch der nächste Soke werden sollte.

Der Name Kotō Ryū bedeutet, soviel wie “den Tiger niederschlagen” oder “einen Tiger mit den Fingern niederschlagen”. Die Techniken muten in ihrer Methode recht brutal an. Koppōjutsu bedeutet die Knochenstruktur des Gegners anzugreifen. Die Besonderheit der Kotō Ryū-Techniken ist die Distanz mit dem Angriff zu wahren und dann schnell nach vorne mit einem Schlag zu gehen und sofort und schnell wieder in eine sichere Distanz zurück zu kehren. Die Schläge werden dabei in einem exakten Winkel von 90° zu den Knochen des Angreifers ausgeführt, um maximalen Schaden anzurichten. Um dies zu erreichen, braucht es ein gutes Timing und Rhythmus in der defensiven Attacke, die oft mit Yoko-Aruki ausgeführt wird.

Das Yoko-Aruki ist eine andere Spezialität dieses Stiles. Man läuft hierbei seitwärts, wobei sich die Beine überkreuzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Beinarbeit ist, dass man auf den Fuß des Gegners steht um so seine Balance zu kontrollieren. Dabei läuft oder tritt man auf dies Spitze des Fußes (Toki).

Es sei auch hier bemerkt, dass die Start-Entfernung der Techniken sehr groß ist. Der Angreifer muss also einen sehr großen Schritt oder mehrere Schritte machen, um den Verteidiger zu erreichen. Dies zeigt ganz klar, dass die Kotō Ryū für das Schlachtfeld oder allgemein für das freie Feld, und weniger für den Kampf innerhalb eines Hauses oder in beengten Verhältnissen, gedacht war.

Der Kotō Ryū-Kämpfer sollte hierbei genau zwischen die Augenbrauen des Angreifers schauen, so dass der Angreifer nicht seine Intentionen lesen kann. Der Angreifer wird also denken, er hätte Augenkontakt, was ihn allerdings auf eine eigentümliche Weise verwirrt.

Das Metsubushi ist eine für das Kotō Ryū typische Methode, den Angreifer zu blenden oder seine Augen direkt anzugreifen. Metsubushi konnten verschiedene Pulver sein, die dem Angreifer in die Augen geworfen oder geblasen wurden oder auch Licht-Reflektionen von Klingen oder anderen Metall-Oberflächen.

Ein Beispiel: Wenn es regnete, erwartete der Kotō Ryū-Kämpfer den Angriff in der Mangetsu no Kamae (ähnlich zur Hoko no Kamae, mit der Klinge in der linken Hand) und sammelte so Wasser im Hi (Blutlaufrinne entlang der Klinge) des Schwertes und schleuderte dann dieses Wasser in die Augen des Feindes bevor er mit dem Schwert zuschlug.

Wegen des harten Charakters der Kotō Ryū-Techniken benötigte man auch harte Disziplin, um den Körper abzuhärten. Takamatsu Toshitsugu (der frühere Soke, vor Hatsumi) begann mit seinem Kotō Ryū-Training im Alter von neun Jahren und wurde mit 13 Jahren als Kotō Ryū-Meister angesehen. In seiner Eigenbiographie schrieb er, dass er sehr harte Finger und Zehen bekam, da er Steine und Kies schlagen musste, bis Blut unter den Finger- und Zehennägeln zum Vorschein trat. Als er älter war, bezeichnete er jedoch dieses Training als Unsinn.

Shako Ken (Krallenhand) ist einer der Schläge, die im Kotō Ryū benutzt wurden. Es gibt eine Geschichte über Takamatsu aus den 60´er Jahren, als er Koizume Shizuo, einen Journalisten des “Tokyo-Sport-Newspaper”, von der Wirkung dieser Schläge dadurch überzeugte, dass er durch die Rinde eines Baumes fünf Löcher mit einem Shako Ken –Fingerschlag – schlug.

Das Kotō Ryū hat auch einige recht ungewöhnliche Arten, das japanische Schwert zu führen. Das Kotō Ryū ist eine der wenigen Stile, bei denen der Griff des Schwertes auch “verkehrt” herumgegriffen wird: Hier liegt die linke Hand näher an der Tsuba (das Stichblatt des Schwertes, als Handschutz gedacht) und nicht, wie sonst üblich, die Rechte. Daraus ergeben sich viele Wege, dass Schwert zu halten und zu führen und so den Angreifer total zu verwirren. So konnte der Angreifer vom Kotō Ryū-Kämpfer denken, dass er ein Amateur sei und so ein leichter Gegner sei.

Rein technisch gesehen, ergänzen sich die Gyokko Ryū und die Kotō Ryū perfekt und ergeben zusammen genommen ein gutes Nahkampf-System. Aber man sollte sich trotzdem im Klaren sein, dass beide Ryū ihre eigenen Methoden und Techniken des Bewegens haben. Zusammen ergeben sich daraus viele Variations-Möglichkeiten.

Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, finden wir einige berühmte Ninja, die beide Stile erlernt hatten. Einer der bekanntesten Ninja war Sandayu Momochi, welcher einer der Anführer im Ryūgu-Sanbonmatsu Dorf war und einer der Verteidiger gegen die Invasion von Oda Nobunaga im Jahre 1582. Er war der Soke beider Stile. Einer von Sandayu Momochi´s Schülern war Ishikawa Goemon, welcher in Japan als eine Art japanischer Robin Hood berühmt wurde. Er versuchte außerdem Hideyoshi Toyotomi (er war Nobunaga´s führender General und Nachfolger, Nobunaga gilt allgemein als Tyrann!) zu ermorden. Doch er wurde gefangen genommen und in kochendes Öl geworfen. Manche Quellen sagen, dass er es irgendwie geschafft hätte, zu entkommen, doch das gilt als recht unwahrscheinlich.

Prinzipien der Kotō Ryū

Während die Kotō Ryū kurze Distanzen zwischen den Gegnern hat, nutzt die Gyokko Ryū größere Distanzen. In der Kotō Ryū werden schnelle und direkte TechniKen angewandt, in der Gyokko Ryū „längere“ und „kompliziertere“ TechniKen mit mehr Bewegung. Während man in der Kotō Ryū mehr Gewicht auf wirkungsvolle Schläge legt, werden in der Gyokko Ryū mehr Hebel und Würfe eingesetzt. Angriffe direkt zum Gesicht – auch mit Metsubushi – sind Teil der Kotō Ryū. Dass in der Kotō Ryū die harten und wirkungsvollen Schläge im Vordergrund stehen wird schon am Namen „Den Tiger niederschlagen“-Schule (Gyokko Ryū: „Juwelentiger“-Schule) deutlich. Früher wurde im Training mit den Fingern in Sand (unter Umständen auch heißer Sand) oder Kies gestoßen, später gegen große Felsen geschlagen. Die Fotos von Takamatsus Händen und Füßen machen deutlich, was damit bezweckt wurde.

In der Kotō Ryū bewegt man sich immer in einer recht kurzen Distanz zum Gegner, nutzt viel Chuchi Aruki/Yoko Aruki und harte Schläge. Man blickt dem Gegner nicht direkt in die Augen, sondern auf Augenhöhe. So kann man alles sehen und ist nicht vom Blick des Gegners „gefangen“.

Man selbst sollte keine Emotionen zeigen und den Gegner so im Ungewissen lassen. Ansonsten könnte der Gegner merken was kommt, schon bevor Du angreifst. Auch Dein Gesicht sollte ausdruckslos bleiben, ziehe beim Angriff oder Konter keine Grimassen, das warnt den Gegner nur.

  • Die Grundbewegungen beinhalten große übertriebene Blockbewegungen, wie z.B. die Ichimonji in der Kihon-Happo.
  • Typische Bewegungen des Kotō Ryū sind Yoko Aruki (seitlich über Kreuz gehen) und Toki (Stampftritte auf die Zehen). Charakteristisch sind auch die kurzen Distanzen und harten Schläge auf Knochen und Gelenke (Koppōjutsu – die Kunst des Knochenzerstörens).
  • Bemerkenswert ist die Handhabung des Schwertes in der Kotō Ryū: Die Fußstellung (rechts oder links vorne) sowie die Handhaltung am Griff (rechte oder linke Hand oben) sollten dem Gegner glauben machen, dass sein Gegenüber nicht viel Ahnung von der Schwertkunst hat.
  • Ein Spruch in der Kotō Ryū lautet:

Die Augen sind alles.“ – den Gegner nicht die eigene Absicht in den Augen erkennen lassen, immer die Augenbrauen des Gegners beobachten.

Die Kotō Ryū ist auch die Grundlage für Togakure Ryū Ninpō Taijutsu. Im Basistraining sind Ukemi, Kaiten, Distanz und Bewegung, Sprünge, Schläge und Kenntnis über die Vitalpunkte des Körpers enthalten. Ausgewichen bzw. bewegt wird sich meist diagonal, hierbei auch häufig mit Yoko Aruki.

Hauptsächlich wird mit Fudo/Nio Ken (Faust), Shuto Ken (Handkante), Shako Ken (Handkralle), Shuki Ken (Ellenbogen) und Sokugyaku Ken (Zehentritt) gearbeitet. Training am Makiwara soll zur Stärkung der oben beschriebenen Faust- und Fußschläge beitragen, wobei hierzu früher Stroh oder Stoff um Bäume oder Felsen gewickelt, und anschließend draufgeschlagen wurde. Ich hoffe, das trägt zu Eurem Verständnis bei, wenn Ihr Euch manchmal im Außentraining darüber wundert, warum wir auf unschuldige Bäume einschlagen…

Auch, wenn auch nicht in der Hauptsache, wird mit dem Schienbein, der Stirn (Kikaku Ken), Ferse (Sokuyaku Ken) und den Fingerspitzen (San Shin Tanken/Shi Shi Tanken) geschlagen. Die meisten Tritte und Kicks gehen gegen die Beine oder die Leistengegend des Angreifers.

Mitglieder der Kotō Ryū haben immer versucht, einen Kampf zu vermeiden. Kam es dennoch zu einem Kampf, so wich man zunächst aus, oft ohne gleich beim ersten Mal hart zu blocken. Wenn die Angriffe des Gegners weiterhin kommen, erfolgt der Gegenangriff explosionsartig und endgültig. Der Geist des Tigers ist dann entfesselt. Doch soll man nicht zu früh explodieren, da man sonst seinen Körper frühzeitig schwächen und verlieren kann.

Die Distanz bleibt einer der wichtigsten Punkte. Schnell in den Gegner „reingehen“ (z.B. mit Yoko Aruki), hart schlagen, und dann wieder schnell weggehen. Durch die Fähigkeit, weit springen zu können, lassen sich die Distanzen schneller und sicherer überwinden, so zum Beispiel in einem Schwertkampf. Auch sollte man lernen, das Schwert während einem Sprung zu ziehen und einzusetzen.

In der Kotō Ryū sind nicht nur Schlagtechniken, sondern auch Formen mit dem Schwert enthalten. Die geheimen Techniken der Hekito no Kata beispielsweise lehren auch den unbewaffneten Kampf gegen einen Angreifer mit Schwert. Bemerkenswert ist auch, dass man in der Kotō Ryū den Gegner dadurch zu täuschen versucht, daß man ihm vorspiegelt, ein schlechter Schwertkämpfer zu sein. Normalerweise steht man im japanischen Schwertkampf mit dem rechten Fuß vorne, hat die rechte Hand an der Tsuba (oberes Ende des Schwertgriffes) und die linke Hand an Kashira (unteres Ende des Schwertgriffes). In der Kotō Ryū ist die Handhaltung auch umgekehrt, der linke Fuß vorne oder andersherum.

In der Kotō Ryū gibt es auch eine Kamae, die es nur in dieser Stilrichtung gibt: die Mangetsu no Kamae. Man steht hierbei in Hoko no Kamae und hält das Schwert dabei so über den Kopf, dass sich in der Hi-Rinne des Schwertes Regenwasser sammeln kann, welches man dem Gegner dann in die Augen schleudern kann, um ihn für einen Augenblick zu blenden. Auch wird die Klinge gerne genutzt, um den Gegner mittels Sonnenlicht zu Blenden.