Die Frage ist, was versteht man unter „Respekt“?! Viele Leute verwechseln Respekt mit blindem Gehorsam, Unterwürfigkeit oder gar Angst. Der „Respekt“ wird auch gerne eingefordert, um das Streben nach eigenen Vorteilen oder eigenen Schwächen zu verschleiern.

Ich habe eine klar definierte Position zu der Frage, was Respekt bedeutet. Man könnte mit der Betrachtung über diesen Begriff natürlich hunderte von Seiten füllen, aber was ich mit diesem Artikel will, ist zum Nachdenken über das Wort „Respekt“ und über sich selbst anzuregen. Um verschiedene Aspekte des Respekts, wie ich ihn sehe, zu zeigen, will ich ein paar Beispiele ansprechen:

„Du sollst Respekt vor deinem Lehrer / Sensei / etc. haben“

Respekt vor dem Lehrer ist die Grundvoraussetzung eines erfolgreichen Kampfkunst-Trainings. Es ist notwendig, dass der Schüler das Wissen und die Erfahrung des Lehrers respektiert, um sich auf dem Weg zum Beherrschen der Kunst von ihm leiten zu lassen. Wenn der Schüler alle Anweisungen des Lehrers hinterfragt und in Zweifel stellt, ist ein Kampfkunst-Training unmöglich.

Aber Respekt will auch verdient werden. Das heißt Respekt ist zweiseitig. Nur wer Respekt zeigt, kann auch Respekt erwarten.

In manchen Schulen werden Schüler nur als Geldquelle gesehen. Es werden viele Grade oder Prüfungen erfunden, die viel Geld kosten, um möglichst viel zu verdienen. Es gibt „Lehrer“ die sehen ihre Schüler eher als Untertanen, die kritiklos alles machen sollen, um Ihrem „Lehrer“ das Leben zu vereinfachen und dies alles unter dem Decknamen „Respekt“ oder „Loyalität“. Dabei handelt es sich um pures Ausnutzen, was selbst der loyalste Schüler irgendwann merkt und seine Konsequenzen zieht. Diese „Lehrer“ erkennt man daran, dass sie keine weit fortgeschrittenen Schüler haben, sondern immer wieder neue „Favoriten“, die sie eine Zeit lang ausnutzen können. Auch die Techniken, Prinzipien und Taktiken der gelehrten Kampfkunst sollten vom Lehrer nachvollziehbar erklärt werden können und nicht mit Sätzen wie „So wird das eben traditionell gemacht!“ begründet werden, da so meistens nur Unwissenheit verborgen wird. Solche Verhaltensweisen eines „Lehrers“ sind nicht akzeptabel und niemand in unserer westlichen, aufgeklärten Gesellschaft sollte dies hinnehmen. Solche Lehrer verdienen keinen Respekt! Um das nochmals zu verdeutlichen: Respekt gegenüber dem Lehrer ist notwendig, aber blinder Gehorsam ist, wie die Geschichte uns immer wieder lehrte, Dummheit.

„Du sollst Respekt vor deinem Mitschüler haben“

 Dein Mitschüler in der Kampfkunst verdient immer Respekt. Es ist dabei egal, ob es sich um einen Schüler handelt, der gerade mit dem Kampfkunst-Training anfängt, der auf deiner Könnens-Stufe ist oder ein Schüler, der dir in seinem Können weit überlegen ist.

Man kann von jedem etwas lernen und mit jedem lernen. Nur wenn man den Anderen so respektiert wie er ist, wird man selbst auch respektiert und es kann ein „Miteinander“ in der Kampfkunst entstehen.

Jeder war schon mal Anfänger und froh, dass ihm Mitschüler beim Erlernen der Kampfkunst geholfen haben und seine Bemühungen respektiert haben, sich zu verbessern. Auch Beleidigungen oder körperliche Verletzungen von Schülern, die vielleicht sogar wesentlich weniger Erfahrungen in der Kampfkunst haben, sind mit dem Begriff „Respekt“ nicht vereinbar und führen in unserem Dōjō zum sofortigen Ausschluss von den Übungsstunden.

„Du sollst Respekt vor anderen Einstellungen, religiösen oder politischen Überzeugungen haben“

Toleranz sollte in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein. Keiner sollte wegen seines Glaubens oder seiner Meinung diskriminiert werden. Eine Grundvoraussetzung dafür ist jedoch wieder, dass derjenige, der Respekt erwartet auch Respekt zeigen muss. Man kann nichts einfordern, das man nicht selbst bereit ist zu erfüllen. Gerade in der Kampfkunst, die überwiegend aus der asiatischen Tradition kommt, wird man oft mit fremdartigen Verhaltensweisen und Ideen konfrontiert. Dies führt manchmal zu Situationen, in denen die asiatische Tradition mit unseren westlichen Anschauungen aneinander geraten. Dabei darf man nicht vergessen, dass wir im Europa des 21. Jahrhunderts leben und nicht in Asien vor 800 Jahren.

Das bedeutet: Wir im Bujinkan Kanyou-Ryū Dōjō Salzburg respektieren die asiatische Tradition, leben, denken und verhalten uns aber wie Europäer in unserem Jahrhundert. Asiatische Traditionen und Verhaltensweisen, die nur in ihrer Zeit und ihrer Region Sinn gemacht haben, werden von uns nicht nur um ihrer selbst Willen übernommen.

„Du sollst dich selbst respektieren“

 Das ist eine Aussage über die es sich nachzudenken lohnt. Man sollte sich folgende Fragen stellen:

Respektiere ich mich selbst? Ist mein Selbstrespekt auch gerechtfertigt oder mache ich mir selbst nur etwas vor? Wie sieht meine Realität ohne „Rosarote Brille“ aus?

Kann jemand, der z.B. ungesund lebt, von sich behaupten er respektiere sich selbst oder zumindest seine Gesundheit? Oder was ist, wenn ich nur auf meinen Vorteil aus bin und mir alle anderen egal sind – hat das noch etwas mit Selbstrespekt zu tun? Das Resultat solch einer Verhaltensweise wäre, dass nach einer gewissen Zeit keiner mehr etwas mit mir zu tun haben will.

Oder was ist wenn sich jemand ständig Ziele setzt, bestimmte Ansprüche an sich definiert, diese aber nachweislich nie erreicht? Dann ist es wichtig die Gründe dafür herauszufinden und zu analysieren. Sind es zu hohe Ansprüche, die ich an mich selbst stelle oder liegt es an der Umsetzung meiner Pläne? Wichtig ist es hierbei ehrlich zu sich selbst zu sein und größtmögliche Objektivität zu wahren. Die entscheidende Frage lautet dann: „Wie kann ich meine Strategien und Einstellung verändern, um mir meinen Selbstrespekt zu bewahren?“

Dieser Artikel soll zum Nachdenken über den Begriff „Respekt“ und dessen Gebrauch anregen.

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