Die Kunst des Kampfes mit der kurzen Kette

Die Erfindung des Kusari Fundō 鎖分銅 schreibt man Dannosin Tosimitsu Masaki, dem Wachhabenden des Haupttores der Edo (Tokio) Festung zu. Die oft vorkommenden Auseinandersetzungen mit Banditen und Landstreichern führten meistens zu einem blutigen Ende, was nicht unbedingt nötig war. Es genügte, den Gegner leicht zu verletzen und unbeweglich zu machen, zumal die Gesetze der Samurai ermunterten die Benutzung des Schwertes zu solch einem niedrigen Ziel wie die Auseinandersetzung mit einem Landstreicher nicht einzusetzen. Genau deswegen bot Masaki an, eine Kette mit zwei Gewichten an den Enden als die Hauptwaffe der Wache zu verwenden. Er nannte sie „Manrikigusari“, was wörtlich übersetzt „eine Kette mit der Kraft der zehn Schwerter“ bedeutet, oder im weiteren Sinne „die allmächtige Kette“. Und schon bald trugen die Samurais, die das Haupttor bewachten, diese Kette um die Hüfte.

Masaki hat eigene Schule gegründet — Masaki-ryu, in der neben dem Fechtunterricht auch auf die Arbeit mit der Kette geachtet wurde. Diese Schule existiert bis heute. Bald haben viele Kämpfer die Arbeit mit der Kette, dem Manrikigusari erlernt, und die Kampfkette wurde sehr populär, dennoch dem Schwert, dem Speer, der Hellebarde und dem Bogen unterliegend.

Die anderen nicht weniger bekannten Schulen, in denen der Kettenkampf  praktiziert wird, sind Hoen-ryu, Toda-ryu, Syutin-ryu, Kyusinmeiti-ryu, Sindo-ryu und Hikida-ryu.

Heute wird die Arbeit mit der Kette in vielen Schulen der Kampfkünste praktiziert. Die bekanntesten sind die Schule in der Stadt Ogaki, wo sich das HauptDôjô der Masaki-ryu — das Zentrum der Samuraikampfkünste — befindet, und das Bujinkan Hombu Dōjō — die Ninjutsu Schule, die Masaaki Hatsumi führt, der vierunddreißigste Soke der Togakure-ryu. Der Aufbau der Manrikigusari ist sehr einfach: es ist eine Kette mit Gewichten ca. 100 Gramm an den Enden.

Meistens wurde die Variante mit der Länge von ca. 70 cm mit Gewichten an den Enden verwendet, aber auch Exemplare bis zu einer Länge von 1 Meter mit Gewichten an einem oder beiden Enden waren nicht selten, alles war von der dicke der Kettenglieder und der Hauptaufgabe, die man an die Waffe stellte, abhängig (die Vernichtung oder die Gefangennahme des Gegners.

Die allgemeinen Prinzipien der Arbeit mit der Kette

Die wichtigsten Prinzipien, die die Arbeit mit der Kette effektiv machen, sind:

  • die Geschwindigkeit,
  • die Genauigkeit,
  • das Timing,
  • die Vollkommenheit der Bewegungen,
  • die unerwartete Anwendung.

Es ist notwendig, diese Prinzipien während aller Etappen der Lehre immer im Kopf zu behalten – angefangen mit der Erlernen der Grundfertigkeiten und Kamae und endend mit Trainingskämpfen mit dem Partner.

Die Geschwindigkeit bei der Ausführung der Handgriffe, die volle Konzentration auf die ausführenden Bewegungen und dem freien von unnötigen Gedanken und Überlegungen Verstand erfordernd, kann man nur mittels der langwierigen Praxis der Grundtechniken erzielen.

Die Genauigkeit kommt während des Trainings mit den reellen Zielen. Außerdem soll man sich Zeit nehmen, um die lebensnotwendigen Punkte (Kyusho) auf dem menschlichen Körper zu erlernen.

Das Timing der Anwendung verschiedener Handgriffe kann man lediglich mittels der ständigen Arbeit mit dem Partner erzielen, weil die Bewegungen des lebenden Menschen oft unvorhersehbar sind, und nur die intuitive Reaktion auf das sich ständig verändernde Kampfbild dem Kämpfer eine reelle Überlegenheit geben kann.

Unter der Vollkommenheit der Bewegungen versteht man die Benutzung im Kampf nicht nur der physischen Qualitäten des Kämpfers, sondern auch seiner inneren Energie (Ki).

Es ist notwendig, die Technik so zu beherrschen, dass sie zu einer völlig natürlichen Reaktion auf einen Angriff wird.

Die unerwartete Anwendung der Kette wird von der Umgebung selbst diktiert – je unbemerkbarer und schneller sie angewendet wird, desto mehr Chancen gibt es, den gegnerischen Angriff zu blockieren oder ihm auszuweichen. In vielem ist das Prinzip dem Iai-Jutsu ähnlich, die auf dem augenblicklichen Ziehen und Zuschlagen mit dem Schwert; bevor der Feind irgendwas mitbekommt, basiert.